Winterpaddeln auf den Lofoten im Seekajak

Wir haben es gemacht: Es ist zwar schon ein wenig her, aber wir waren mit dem Seekajak auf den Lofoten unterwegs, im Winter!

Die Lofoten liegen nördlich vom Polarkreis. Die Winter sind durch den Golfstrom vergleichsweise mild, aber dunkel. Wir waren im Januar dort, die Sonne ließ sich schon kurz über dem Horizont erblicken. Die Orcas, das Ziel unserer Expedition, leider nicht. Zumindest nicht im Kajak. Trotzdem war es eine wundervolle Paddelerfahrung, zusammen mit Jann Engstad, der uns seine Kajaks und seine Begleitung zur Verfügung stellte.

Der WOW-Effekt - Paddeln unter Nordlichter. Dieses Mal leider nicht.

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Im Winter auf den Lofoten paddeln?

Wer jetzt gerade die Lofoten ansteuert, kann nur hoffen, bei Tageslicht anzukommen. Das Flugzeug fällt nach einem Multistopflug in Svolvaer voraussichtlich in ein dunkles Loch. Man könnte sich allerdings auch gemütlicher mit Schiff und Zug der nordischen Inselgruppe am Polarkreis nähern. Ich mache das so: meine Etappen heißen Kiel, Oslo, Trondheim, Bodø, Svolær. Kreuzfahrtfähre von Kiel, Tagzug, Nachtzug und Inselfähre sind meine Vehikel. In Oslo ist sogar noch Zeit fürs Shopping bei leidlich Tageslicht, bevor ich den Zug nach Trondheim nehme. Nach insgesamt 55 Reisestunden ab Kiel geht‘s in Svolvær auf den Lofoten total entschleunigt an Land. Überall stehen dicht befüllte Dreiecksgerüste, auf denen kürzlich gefangener Winterkabeljau zu zehntausenden trocknet. Mit einer gediegenen Stockfisch-Mahlzeit feiere ich stilvoll meine Ankunft.

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Jann

„Es ist ja nicht stockfinster hier“, sagt Jann Engstad in vortrefflichem Deutsch. Ich treffe ihn der Uhrzeit zufolge am nächsten Morgen, nach einer gemütlichen Nacht in einer typischenn Rorbuer-Hütte mit Steg zum Hafenwasser. Im Sommer lässt man hier wohl die ganze helle Nacht lässig die nackten Beine baumeln, jetzt stakse ich mehrlagig verpackt auf vor Frostkälte knackenden Holzstegen. Jedoch der Blick zum Himmel gibt Jann, Betreiber von Lofoten-Aktiv, dem ersten in Norwegen mit Ökosiegel versehenen Tourismus-Unternehmen, Recht. Anmutig wie mittelblaues Velour mit lachsfarbenem Saum verbreitet sich eine Art Lichtdunst und haucht über den Himmel. Schroff gezackte Berge verstärken riesigen Schneekristallen gleich ein zartes Leuchten, das von einer Sonne knapp unterhalb der Erdkrümmung ausgeht. Am 7. Januar, erzählt mir der kernige Jann, rolle die Sonne zum ersten Mal wieder in vollem Umfang über den Horizont. Ganze Schulklassen sind vormittags unterwegs auf die Hügel um Svolvær, um das Spektakel zu feiern.

 

Orcas auf den Lofoten suchen

Jann weiß, wie man die flüchtigen Dämmerstündchen auf den Lofoten nutzt. Er bietet winterliche Aktivitäten an. Schneeschuhlaufen, Skifahren, Fotosafaris. Hauptsache den zarten Hauch von so etwas wie Tageslicht draußen genießen. Heute, so meint er, sei Kajakfahren toll, weil‘s windstill sei. Na ja, wenn man schon mal vor Ort ist, warum nicht aufs Polarmeer hinauspaddeln. Die ganze Reise ist ja verrückt genug. Mehr als auf Orcas zu treffen, die hier im Winter auf Heringsjagd gehen, kann kaum passieren. Also in orangene Taucheranzüge geschlüpft, die Kajaks über dünnen Schnee ans Ufer geschoben, hineingepfriemelt und der Sonne entgegengepaddelt. Diese muss gleich hinterm Horizont dümpeln, so intensiv, wie es da hinten leuchtet. Meine Güte, im dicken Outfit kann man sich nicht mal kneifen, aber es ist kein Traum: Bei 7 Grad minus im Seekajak unterwegs, unterm zum Greifen nahen Himmel, der gerade andächtig wie ein Kirchenfenster schimmert. Die Berge tragen pink.

 

Die Lofoten - mehr als ein Winterpaddelziel

Aktive Ausflüge mit Lofoten-Aktiv oder auf eigene Faust mit einem in Svolvær erstandenen Leihwagen erschließen einen Teil des Doppel-Archipels Lofoten und Vesterålen innerhalb der fünf, sechs Dämmerstunden im frühen Januar. Ziele sind die Insel Gimsøy, auf der tatsächlich eisiges Polarnachtgolf gespielt wird. Behaglicher ist‘s um die Feuerstellen im tollen Wikingermuseum in Borg, 60 Kilometer südlich von Svolvær, das einen der größten Höfe nordischer Herrscher wiedererstehen ließ. Eine besonders inspirierende Route durch die urweltlich anmutende Landschaft aus Berg-Ungetümen und gefrorenen Seen bietet das Aufspüren faszinierender Outdoor-Kunstwerke der Skulpturlandskap Nordland (skulpturlandskap.no). Insgesamt sind um den Polarkreis in Norwegen über 30 sehr unterschiedliche Stücke versteckt. Sehr zugänglich präsentiert sich das Spiegelpavillon des Amerikaners Dan Graham direkt neben der E 10 bei Lyngvær. Im leicht gebogenen Spiegelkabinett wirken die an sich schon bizarren Gipfel noch geraffter und überzeichneter. Dagegen betont der simple Metallkopf vom Schweizer Künstler Markus Raetz die Einsamkeit der sie umgebenden Westküstengegend. Der Kopf auf einer Stele wartet hinter dem Ortsausgang des Örtchens Eggum, das nur kurz nördlich des Wikingermuseums in Borg ausgeschildert ist, 800 Meter nach dem Ende der Landstraße. Beim langsamen Herumgehen um das rostrote Haupt verändert sich das Antlitz ständig, bis die Perspektive ins Kopfüber kippt (68.296078, 13.624844).

 

Lofoten-Lasershow

Das Lofoten-Nightlife findet am Himmel statt. Was ich immer schon über das Polarlicht wissen wollte, erfahre ich eine Stunde nördlich von Svolvær im Örtchen Laukvik. Seit 2005 haben die Holländer Rob und Therese Stammes aus ihrem Haus ein Mekka für Polarlichtjünger gemacht. Schon auf der Fahrt dorthin durch den dunklen Spätnachmittag flammt immer wieder grüngelber Lichtzauber über den Himmel. Rob ist ein knorriger älterer Herr mit Rauschebart, wie er im Polarforscherbuch steht. „Als Kind habe ich Berichte über Arktisfahrer verschlungen“, sagt der gelernte Elektroinstrumentenbauer.

In Haus sieht es aus wie eine Kreuzung zwischen Funkerbude, Spacelab und Geheimdienstzentrale. „1989 habe ich mein erstes Instrument gebaut, um Kontakt mit dem Weltraum aufzunehmen.“ Mit zahlreichen Aufnahmegeräten horcht Rob die Erdatmosphäre ab. „Mein Receiver hängt sich an einen TV-Transmitter in Litauen, der das Geräusch brennender Sterne aufzeichnet.“ Die Signalwelt, die auf Knacken und seismologische Ausschläge auf Papier in Laukvik eingehen, setzt Rob sogar in Vorhersagen über zu erwartende Lichterscheinungen um. Ein SMS-Abonnement informiert nicht nur Insulaner über bevorstehende Sonnenwind-Spektakel. Das private Radarsystem für Polarlicht erstaunte selbst Dr. Asgeir Brekke, Professor für Kosmische Physik in Tromsö. „Er war über meinen Erfolg mit geringen Mitteln sehr erstaunt.“

 

Nordlicht in acht Minuten

Elektromagnetische Störungen mit Nordlichtcharakter benötigen acht Minuten, um von Rob‘s Magnetometer aufgezeichnet zu werden. Dann werfen sich die Stammes und interessierte Besucher in dick mit Daunen gefütterte Jacken und Hosen und spazieren ans Wasser. Nachbarn kommen hinzu, Kameras werden auf Stativen festgedreht, dann beginnt die Nacht der langen Lichter. Farben peitschen, wabern und quellen über schwarzen Himmel. Der Weltraum ist zum Greifen nahe und niemand träumt in diesen Nachtstunden von sommerlicher Wärme. Tageslicht würde den Zauber zerstören.

 

 

Text: Martin Müller
Veröffentlichung nur mit Zustimmung des Autors

Paddeln im Winter vor der Kulisse der Schneelandschaft auf den Lofoten
Päckchen bilden, Mittwintersonne genießen. Es ist Anfang Januar.
Mit Speed geht es hinaus auf's Meer
Da sind sie: Orcas auf den Lofoten auf der Jagd nach dem Hering
Ein prächtiges Orca-Männchen auf den Lofoten beobachten
Stockfisch - das Gold der Lofoten
Nordlichtvorhersage: In acht Minuten kommt das Polarlicht
Richtig! Grün wabert das Nordlicht über den Himmel. Leider ohne Kajaks.





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